Gründungsgeschichte der Pfadi Kamor

Eigentlich erstaunlich, dass damals in einem so kleinen Dorf mit ca. 1‘500 Einwohnerinnen und Einwohnern eine Pfadfinderabteilung gegründet werden konnte. Und dass diese immer noch gedeiht und sich weiterentwickelt hat, ist noch erstaunlicher.

Viele Umstände haben dazu beigetragen:
Im Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung wurden Kleinbauernbetriebe, die nicht mehr rentierten, aufgegeben. Viele Väter mussten in die umliegenden Fabriken arbeiten gehen. Kinder, die bis dahin im elterlichen Betrieb mitarbeiten mussten, bekamen plötzlich viel Freizeit, mit der sie wenig anzufangen wussten.

1952 wurde Othmar Kressig als Lehrer an die Mittelstufe in Rüthi gewählt. Er unterrichtete vorerst bis zum Bezug des Schulhauses im Neudorf im Schulhaus Dorf eine 4. und 6. Klasse. Das alte Schulhaus war nicht zu vergleichen mit dem heutigen Bau. Der Werkraum im Untergeschoss war damals eine Turnhalle für 40 bis 50 Schüler, eine gefährliche und unmögliche Sache. Zwei Rosskastanienbäume überschatteten den Kiesplatz und die Kinder beklagten sich nach jeder Turnstunde über aufgeschlagene Knie. Da war es geradezu gegeben, den Turnunterricht in den Wald auf den nahen „Gruppen“ zu verlegen, wo die Kinder sich austoben und sich kräftigen konnten. Zudem herrschte in den Junitagen eine unerträgliche Hitze, so dass die Kinder auch ihre Rechenbücher, Schreibhefte und Lesebücher in den Wald mitnahmen. Der junge Lehrer, der bis zum Eintritt ins Lehrerseminar aktiv in der Pfadiabteilung Bad Ragaz gewirkt hatte, erzählte den Kindern von seiner „Waldschule“.
In der Schule wollte er ebenfalls seine pädagogischen Leitideen umsetzen: Die Natur mit Kopf, Herz und Hand erleben und entdecken. Genau beobachten und beschreiben lernen und das, was man kennt, auch schätzen und lieben lernen. Lernen selbständig zu werden und einander in der Gruppe zu helfen. Natürlich waren die Kinder begeistert, dass sie die alten rauen Viererbänke mit dem Holz des Waldes tauschen konnten. Aber es gab auch grosse Widerstände: „Geht ihr schon wieder spazieren mit diesem Stadtfrack? Lernen die Mädchen und Buben überhaupt etwas?“

Aber der Lehrer erzählte ihnen von der Pfadfinderbewegung, die schon über 50 Jahre nach diesen Grundprinzipien junge Menschen bildet.
Eines Mittags standen ungefähr 10 Buben vor dem Lehrerpult und äusserten den Wunsch zur Gründung einer Pfadfinderabteilung. Sie sammelten Unterschriften und nach kurzer Zeit waren ca. 30 Interessierte auf der Liste. In August Oesch, einem ehemaligen Pfaderfeldmeister, fand die junge Gruppe einen kundigen Berater und Förderer, der die Idee mit Rat und Tat unterstützte.

Die Buben wollten in ihrer Ungeduld natürlich sofort loslassen, und so wurde bald einmal die erste Probeübung abgehalten. Es sollte eine Bewährungsprobe werden! Nach einem Geländespiel und einem erquickenden Bad im damaligen „Wälschloch“ vertrieb uns ein plötzlich hereinbrechendes Gewitter. Leider verlor einer der Buben seine Zahnspange. Die verärgerte Mutter meldete ihre beiden Buben sofort ab. Andere fühlten sich im Freien nicht sehr wohl.

Aber der harte Kern hielt durch und startete bald einmal die erste Altstoffsammlung, um zu Geld zu kommen. Schon damals merkten viele, dass man alten Plunder so einfacher entsorgen kann, statt damit ins „Storeteloch“ zu fahren! Aus dem Erlös konnten wir mit den ersten hundert Franken ein kleines Zelt kaufen.

Ich erinnere mich auch noch an die erste Waldweihnacht, die wir auf dem Büchlerberg feierten und eine kleine Tanne schmückten. Der heisse Tee, den nachher die gastfreundliche Lisa Hohmeister im Lokal ausschenkte, mundete besonders, auch wenn er zwischen Holzbeigen und Türkenkolben getrunken werden musste.

Ein grosses Problem waren damals die fehlenden Geldmittel. Viele Eltern waren arm und konnten kaum die Uniform bezahlen. Trotz vieler edler Spender waren wir auf uns selber angewiesen. Die Buben legten sich wacker ins Zeug, fingen Wühlmäuse, machten bei jeder wohltätigen Sammlung mit und verkauften lange Jahre den Rheintaler Kalender. Mit den gesammelten Maggi- und Knorrpunkten kauften wir uns den ersten Kochkessel.

Diskutiert wurde auch die Frage, ob nicht die Jungwachte, von der im Pfarrhaus eine Fahne vorhanden war, zu neuem Leben erweckt werden sollte. Es wurde beschlossen, die Abteilung für alle Konfessionen offenzuhalten. Auch der dringende Wunsch vieler Mädchen, ebenfalls aufgenommen zu werden, blieb vorerst unerfüllt, weil das in dieser Zeit noch nicht üblich war.

Ein Abteilungsname musste her! Angesichts der nahen Berge schien KAMOR der richtige Name zu sein.

Dann kam die heiss ersehnte Aufnahme in den Kantonalverband. Die Abteilung Kamor wurde anfangs des Jahres 1954 offiziell aus der Taufe gehoben. Aus der Bubenschar wurden drei Gruppen gebildet: Büffel, Falk und Hirsch (dies als Anlehnung an den Hirschensprung).

So starteten wir im Sommer 1954 zum ersten Sommerlager in Bad Ragaz. Auch das durfte wieder nichts kosten! Jede Mutter bekam ein Stück Jute mit der höflichen Bitte, daraus einen Strohsack zu nähen. Mit Velos starteten wir die 40 Kilometer nach Bad Ragaz zur Ruine Freudenberg. Der Lagerplatz war unentgeltlich, weil ich die Behörden kannte. Grosse Hilfe bekamen wir auch von der Pfadiabteilung Bad Ragaz, die uns mit Material aushalf.
Frau Glessmann transportierte mit ihrem Auto die Rucksäcke, während Paul Kobler die Vespa vorn und hinten mit Zelten belud.
Der Lagerbeitrag für 10 Tage betrug 4 Franken plus 40 Rappen Sicherheitszuschlag. In Anbetracht der damaligen Löhne nicht überrissen. Die Buben brachten von zu Hause Lebensmittel mit, welche die Mütter entbehren konnten. Fleisch gab es natürlich nur in kleinen Mengen. Nicht allen mundete der Porridge, - in unbewachten Augenblicken wurde er ins Gebüsch geschleudert. Manch einer hatte Heimweh nach Mutters Ribel und liess sich per Post einen grösseren Posten zuschicken.
 Alles klappte aufs Beste. Die ersten Tage brachten eitel Sonnenschein, in der zweiten Lagerhälfte wehte ein schlimmer Sturm, der die Zelte wegriss, und obwohl die Buben die Zeltstangen tapfer hielten, wurden diese geknickt und die Zelte fortgeweht. Das Lager musste dann hinter die Ringmauer verlegt und die zerbrochenen Zeltstangen durch Holzstangen ersetzt werden. Im nahen Bach machten die badenden Buben dann die ersten Erfahrungen mit kleinen Wasserskorpionen, die empfindlich stechen konnten. Während zehn Tagen hatten die Jungen gelernt, auf sich selbst gestellt zu leben, zu kochen, Kleider zu flicken usw.

Gut erinnere ich mich auch noch an das Erstaugustfeuer, zu dem die Buben begeistert Holz auf den Plangga zusammentrugen. Wegen des Regens musste der Anlass verschoben werden. Dabei brannten aber nicht nur der Holzstoss und die Fackeln. Ein Unvorsichtiger stiess seine Fackel in Rolfs Wade, was eine böse Brandwunde zur Folge hatte. So geschehen beim Brunnen im Oberdorf.

Zum Jahreswechsel führten wir auch das erste Skilager auf Pardiel bei Bad Ragaz durch. Die damaligen Teilnehmer mögen sich an die eisige Kälte über dem Käsekeller, an die gefrorenen Wasserleitungen und die Mäuse im Stroh erinnern. Der Gang zum Klo bedeutete eine Wanderung von fünfzig Metern durch eisige Windböen. Es war so kalt, dass dem Pfarrer bei der Messe am Neujahr der Messwein im Kelch gefror…

Das Pflänzchen Kamor wuchs trotz vielen Schicksalsschlägen und gedieh prächtig. 

Erzählung vom Gründer der Pfadi Kamor Othmar Kressig v/o Kobra